Meinhardt Krauss Feigl

sich Beine machen

 

Ich muss gestehen, meine Beine entsprechen nicht gerade dem gängigen Ideal, sie sind nicht besonders lang, was an der Rachitis liegt, an der ich im Alter von drei Jahren litt.
Außerdem sind sie krumm, die Oberschenkel laufen X- Beinförmig aufeinander zu, was das Knie mit einem scharfen Knick nach außen ausgleicht. Das führt dazu, dass die Unterschenkel wiederum, um wenigstens irgendwie das Gleichgewicht halten zu können, in einem großen O- Beinförmigen Bogen auseinander wachsen. Als ich acht Jahre alt war, schlug mir deshalb meine Mutter vor, meine Beine brechen zu lassen, in der Hoffnung sie würden dann gerade zusammen wachsen. Zum Glück stand ich schon damals auf eigenen Beinen, und entschied, in dieser Sache nichts übers Knie zu brechen.
Zum Glück, denn heute im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man sich seines Klons als Ersatzteillager bedienen kann, experimentiere ich an mir mit den verschiedensten Längen und Formen von Beinen. Das ist zugegebenermaßen sehr kostspielig und erlaubt mir nicht gerade auf großem Fuß zu leben, seit einiger Zeit habe ich allerdings das unbestimmte Gefühl, dass, seitdem ich meine Beine in die Hand genommen habe, es mir nicht mehr ohne weiteres gelingt mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen.
Sollte sich diese Tendenz noch ausprägen, liefe ich womöglich Gefahr, den Boden unter den Füßen gänzlich zu verlieren und zu einem Lufttänzer zu werden…

Spiel_Iris Meinhardt
Regie|Video_Michael Krauss
Musik|Komposition_Thorsten Meinhardt
Kostüm_Anja Beck
Premiere_FITZ! Stuttgart 2008

Kritik